Ich wurde gezwungen, 5 Wochen bei der Bundeswehr zu verbringen. Ich hatte gehofft, ausgemustert zu werden, doch dann schickten die kurz nach dem Tauglichkeitsbescheid die Einberufung zum 3.7.00 nach Budel in Holland. Meine Verweigerung (unten), die ich direkt danach abschickte, wurde am 8.6. bei einer persönlichen Anhörung abgelehnt (Das Bundesamt für Zivildienst hätte sie anerkannt). Ich wollte schon Fahnenflucht begehen und im Juli meinen Spanienurlaub antreten, doch meine Eltern schalteten einen Anwalt ein, der mich über die Konsequenzen aufklärte (Knast, immer wieder Einberufung, nicht studieren können) und mit dem ich eine neue Begründung ausarbeitete (unter der anderen), die auch problemlos in der nächsten Anhörung am 2.8. anerkannt wurde, wonach ich einige Tage später nach Hause fahren konnte, um mir eine Zivistelle zu suchen. Da ich noch nicht auswandern wollte (hätten die mich für den Krieg eingezogen, wär ich sofort nach Lateinamerika), ging ich dahin und sammelte Erfahrungen: Alles läuft darauf hinaus, einen für den den Krieg vorzubereiten und "auszubilden", d.h. daß man möglichst effektiv töten kann. Alles muß einheitlich sein (Uniform, marschieren etc.), Individualität wird verneint. Auch Nachdenken ist sehr unerwünscht, man soll zu einer Marionette mutieren, die alle Befehle kritiklos ausführt. Ich kann jetzt verstehen, wie Krieg führen überhaupt möglich ist, nämlich durch diese Struktur von Befehlen und Hierarchien, der man sich unter Androhung von Strafen anpassen muß und die, würde sie auf die ganze Gesellschaft ausgedehnt, faschistisch ist, sowie durch politisch-philosophische Manipulation, die man aber auch außerhalb der Bundeswehr erfährt. Die möglichen Einsätze der Bundeswehr dienen letztendlich dazu, die ungerechte Weltordnung und die Ausbeutung der großen Mehrheit der Menschheit aufrechtzuerhalten und die absolute Herrschaft des Westens und des Kapitals gewaltsam zu festigen.

Begründung meiner Kriegsdienstverweigerung


Hiermit möchte ich die Beweggründe meiner Verweigerung des Kriegsdienstes mit der Waffe darlegen, zu dem ich laut Grundgesetz der BRD, Art. 4 Abs. 3 nicht gegen mein Gewissen gezwungen werden darf.

Meine prinzipielle Ablehnung von zwischenstaatlichen Kriegen reicht bis in meine Kindheit zurück, man kann sagen, daß die Antikriegshaltung der Beginn meiner politischen Überlegungen, Einstellungen und Überzeugungen war. Damals erfuhr ich von meinem Vater zum erstenmal von der Existenz von Kriegen und bekam einen ersten oberflächlichen Eindruck von den Schrecklichkeiten und Grausamkeiten eines Krieges, auch durch anspruchsvolle Kinderbücher wie z.B. von Wölfel, die mir vorgelesen wurden, und später las ich auch selbst sehr viel. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie Menschen zu soetwas fähig sind und erst recht nicht, warum Kriege überhaupt geführt werden. Eine der größten Ängste meiner Kindheit war denn auch die vor einem Krieg, vor allem vor Bombardierungen. Ich nahm schon früh aus eigener Überzeugung zusammen mit meinen Eltern an Friedensdemonstrationen und Ostermärschen teil.

Meine Eltern versuchten stets, mir nichts einfach zu verbieten, sondern stattdessen zu erklären. Sie lehrten mich, meine Mitmenschen zu achten und zu respektieren und Konflikte nicht mit Gewalt, sondern durch Kompromisse zu lösen. Diese Erziehung habe ich verinnerlicht, da ich dessen Sinn einsah. Weil ich selbst auch nicht respektlos oder gar gewaltsam behandelt werden möchte, ist es äußerst sinnvoll, andere Menschen ebenfalls nicht so zu behandeln. Auch ist eine gewaltsame Lösung eines Konfliktes keine richtige Lösung, weil die Interessen des Verlierers nicht beachtet werden, dieser gedemütigt und verletzt wird und dies nicht hinnehmen kann. Er wird also mit Gegengewalt und Hass auf den Sieger reagieren, der seinerseits wieder zu Gegenmaßnahmen greifen muß usw. Es entsteht eine Spirale der Gewalt, die sich letztendlich für beide Seiten zerstörerisch auswirkt.

Erst recht bei Konflikten zwischen Staaten ist es sehr wichtig, auf Gewalt zu verzichten, da in Kriegen Menschen nicht nur Schaden nehmen, sondern sogar sterben, und zwar durch andere Menschen. Jeder Staat stellt Mord unter die härtest mögliche Strafe, was auch richtig ist, übt aber in Kriegen tausend- oder gar millionenfachen Mord selbst aus bzw. läßt es durch seine Soldaten ausführen. Dies steht auch im Widerspruch zum wichtigsten Artikel unseres Grundgesetzes, „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. In Kriegen wird die Würde des Menschen nicht bloß angetastet, sondern sogar durch Morde, Vergewaltigungen, Folterungen, Schikanen aller Art, Zerstörungen von Umwelt, Lebensgrundlagen und Gebäuden, sowie den Befehlen dazu mit Füßen getreten.

Alles, was ich in den Medien (ich lese bspw. regelmäßig Zeitung) über Kriege, vor allem in Jugoslawien und Afrika, gehört habe, hat mich zutiefst schockiert. Gerade Deutschland hat im 2. Weltkrieg die schlimmsten und menschenverachtendsten Grausamkeiten und Verbrechen begangen, die man sich vorstellen kann. Da ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, habe ich mich auch damit und mit dem Faschismus beschäftigt, den ich so entschieden ablehne, daß ich es in Worten nicht ausdrücken kann. Nach der Befreiung hat man sich in Deutschland vorgenommen, nie wieder einen Krieg zu beginnen. Leider wurde dieser gute Vorsatz letztes Jahr (1999) mit dem völkerrechtswidrigen Angriff auf Jugoslawien gebrochen, was mir nochmal vor Augen geführt hat, daß keine Armee nur zur Verteidigung existiert, sondern zum Kriegführen, was ja auch ihre einzige Aufgabe ist. Mich hat die Kaltblütigkeit der NATO erschrocken, mit der der Tod von vielen Hundert Zivilisten und noch mehr Soldaten sowie die Zerstörung der Wirtschaft und der Lebensgrundlagen des Volkes in Kauf genommen wurde. Die Begründung mit den Menschenrechten ist angesichts dessen und der erst durch die Bombardierungen schlimm gewordenen Flüchtlingskatastrophe mehr als zynisch. Die Ursachen für Kriege sind religiöse oder ethische Intoleranz oder, meistens, wirtschaftliche Gründe. Dabei werden nicht mal die Interessen der Soldaten, die sich gegenseitig umbringen, erkämpft, sondern die Interessen von Mächtigen, meist in der Wirtschaft. So gehört es auch offiziell zu den Aufgaben der Bundeswehr, den freien Welthandel und den ungehinderten Zugang zu Rohstoffen aufrechtzuerhalten, also ein System, das Milliarden zu Armut und sogar Hunger verdammt.

Egal für welchen Zweck, ich kann es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, Menschen zu töten oder ihnen ungeheures Leid zuzufügen. Auch die Ausbildung an der Waffe ist für mich nicht akzeptabel, da damit der eigentliche Gebrauch dieser Waffen zum Töten von Menschen geübt wird. Auch will ich nicht meine Hemmungen zu schießen verlieren, indem ich auf unbelebte Ziele schießen übe, um dann im Streß des Ernstfalls und unter dem Druck der Befehle eventuell auch auf Menschen zu schießen. Auch ein „feindlicher“ Soldat ist für mich ein Mensch wie ich, der leben will, den andere Menschen brauchen, mögen und lieben und den ich niemals töten könnte.

Aus diesen Gründen kann ich nicht am Wehrdienst teilnehmen. Ich bin aber bereit, stattdessen Zivildienst zu leisten, der mir als Dienst für den Menschen und nicht gegen den Menschen sinnvoller erscheint. Ich bitte Sie deshalb, meinen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung anzuerkennen.


Begründung meiner Kriegsdienstverweigerung


Da es mir in der 1. Anhörung offensichtlich nicht gelungen ist, den Ausschuss von meiner Gewissensentscheidung zu überzeugen, möchte ich hiermit noch mal meine Beweggründe der Verweigerung des Kriegsdienstes darlegen.

Ich kann nicht an Gewaltanwendungen zwischen Staaten teilnehmen, ich kann keinen Wehrdienst ableisten, da dieser auf kriegerische Handlungen vorbereitet, zu denen ich nicht fähig bin. Ich kann mich nicht an Vorbereitung oder Durchführung von Militäreinsätzen beteiligen. Müsste ich dies dennoch gegen mein Gewissen tun, könnte ich das nicht verkraften. Meine Persönlichkeit würde zerstört und ich würde ein anderer Mensch. Über das Töten eines Menschen im Krieg käme ich mein Leben lang nicht drüber weg.

In meiner Kindheit erfuhr ich ziemlich früh von der Existenz von Kriegen, an mein genaues Alter kann ich mich jedoch nicht mehr erinnern. Mein Vater erklärte und erzählte immer viel, auch von Kriegen (2.Weltkrieg, Vietnamkrieg, Iran-Irak-Krieg). Ich erfuhr davon, dass Menschen sich gegenseitig umbringen und auch völlig unbeteiligte Zivilisten unter dem Krieg extrem leiden müssen, nur weil sie das Pech haben, gerade dort geboren zu sein und zu wohnen. Die Gründe konnte ich in dem Alter überhaupt nicht verstehen. Ich fand das ganze total schrecklich und bekam Angst, auch hier könnte ein Krieg ausbrechen und ich könnte zu den Opfern zählen. Schließlich macht ja kein Krieg vor Kindern halt, sondern zieht selbst sie in Mitleidenschaft, die das am wenigsten verstehen und verkraften können und immer völlig unschuldig sind. Ich erinnere mich noch gut, wie ich abends im Bett lag und nicht einschlafen konnte, weil ich Angst hatte, unser Haus könnte bombardiert werden. Meine Eltern beruhigten mich dann, dass diese Gefahr momentan nicht besteht und dass sich ein Krieg längere Zeit vorher ankündigt und ich deswegen keine Angst vor einem solchen haben muss, sondern dass wir hier sicher sind. Diese Angst ist sehr verständlich, wenn man sich schon als Kind mit Kriegen beschäftigt, dennoch bereue ich keineswegs, schon so früh von dem Schlimmsten erfahren zu haben, wozu Menschen fähig sind. Als ich älter war, konnte ich mich auch besser in die Situation anderer Menschen hineinversetzen, so dass ich nicht nur die Möglichkeit, selbst betroffen zu sein, schrecklich fand, sondern auch, dass viele Menschen tatsächlich betroffen sind. So wurden die beiden Brüder meines Großvaters mütterlicherseits im 2. Weltkrieg getötet, und dieser selbst sowie meine Großmutter väterlicherseits aus ihrer Heimat im heutigen Polen vertrieben und entwurzelt. Dies zeigt, dass es in allen Kriegen ungerechte Folgen auch für eigentlich Unbeteilgte und Unschuldige gibt, wie hier Vertreibungen, die man als Vergeltung für den Polen angetanes Unrecht ansehen kann und die damit politisch gerechtfertigt werden. Allerdings wird dabei keine Rücksicht darauf genommen, ob den einzelnen Vertriebenen eine Schuld trifft oder nicht – wie im Krieg überhaupt nicht danach gefragt werden kann, ob der einzelne Betroffene schuldig ist oder nicht. Außerdem ist es ja Zufall, dass ich gerade hier geboren wurde und nicht z.B. in einem Kriegsgebiet Afrikas. Hauptverantwortlich für meine Überlegungen und mein Nachdenken war sicher die Erziehung, die ich genossen hatte. Meine Eltern waren immer bemüht, keine Verbote auszusprechen, sondern mir lieber zu erklären, warum ich etwas machen oder nicht machen sollte. Sie erzogen mich dazu, nicht alles hinzunehmen, sondern kritisch zu hinterfragen. Die Erziehung war antiautoritär und nicht nur gewaltfrei, sondern auch gegen jeglichen Einsatz von Gewalt gerichtet: Probleme und Konflikte mit anderen Kindern/Jugendlichen habe ich immer gewaltfrei, also durch Kompromisse und mit Argumenten gelöst. Allerdings hatte ich dadurch, dass ich es kategorisch ablehne, anderen Gewalt und Schmerzen zuzufügen, auch Probleme wie mangelndes Durchsetzungsvermögen.
Da in meinem Haushalt immer schon viele Bücher vorhanden waren, bin ich früh damit in Kontakt gekommen und vertraut geworden. Als ich noch nicht lesen konnte, wurden mir viele gute Kinderbücher von meinen Eltern vorgelesen. Erwähnenswert ist hier „Die grauen und die grünen Felder“ von Ursula Wölfel, das soziale Probleme ansprach und mir einen Eindruck von der Not einer vietnamesischen Familie machte, deren Hütte schließlich von einer US-Bombe zerstört wurde, was mich tief bewegte. In meiner Schulzeit las ich viele Bücher, in den ersten Jahren sehr gerne Indianerbücher wie „Moxtaveto“ von Ernie Hearting oder mehrere von Thomas Jeier (z.B. „Der letzte Häuptling der Apachen“), die mir die Grausamkeit und Ungerechtigkeit der Vertreibung und Ermordung von Indianern durch Europäer vor Augen führten. In Arnulf Zitelmanns „Paule Pizolka“, der nicht im 2.Weltkrieg mitkämpfen konnte und deshalb auf der Flucht war, konnte ich mich gut hineinversetzen.
Schon Ende der Achtziger Jahre nahm ich zusammen mit meinem Vater an Ostermärschen teil, um für Frieden und gegen Aufrüstung zu demonstrieren. Anfang der Neunziger Jahre nahm ich zum ersten Mal einen Krieg, den Golfkrieg, bewußt wahr und diskutierte auch mit Freunden darüber. Mir tat die irakische Bevölkerung sehr leid, die wegen dem Handelsboykott nicht genug Lebensmittel und Medikamente hatte bzw. noch heute hat und die unter dem Bombenhagel am meisten leiden musste. Ich hatte den Eindruck, dass sie für die Machenschaften ihres Diktators bestraft wurde (ohne das Öl wäre übrigens wahrscheinlich kein Miliäreinsatz auf die Besetzung Kuweits gefolgt). Die Menschenverachtung des Krieges wurde mir auch sehr deutlich an der Erfolgsmeldung eines amerikanischen Offiziers, der nach einem Einsatz stolz und mit Genugtuung verkündete, die Mehrheit der irakischen Soldaten sei getötet worden („39 von 42 irakischen Soldaten sind tot oder in Gefangenschaft“). Hier stellte ich mir auch die Frage, ob diese irakischen Soldaten wirklich freiwillig in den Krieg gezogen sind und wenn ja, ob sie nicht durch falsche Erziehung und Information verblendet bereit waren, ihr Leben für den Diktator Hussein aufs Spiel zu setzen. Auch sah ich an diesem Krieg die verheerenden Umweltzerstörungen, die durch verbrennendes und auslaufendes Öl sowie den Waffeneinsätzen ausgelöst wurden.
Auch der Geschichtsunterricht hat dazu beigetragen, dass ich mehr über Kriege erfahren habe, und hat so meine ablehnende Haltung verstärkt. So besuchten wir mit dem Geschichtskurs die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht, dessen Fotos, die den organisierten Völkermord belegen, mich sehr schockiert haben. Beispielsweise war auf einem Foto eine Reihe von Dutzenden jugoslawischen Zivilisten zu sehen, die von der Wehrmacht gehenkt wurden. Als die NPD am 31. Oktober 1998 in Bonn einen Naziaufmarsch gegen die Wehrmachtsausstellung veranstaltete, war ich bei der Gegendemonstration dabei, um gegen die Leugnung der deutschen Kriegsverbrechen zu protestieren.
Die Ereignisse in Jugoslawien habe ich seit längerem verfolgt, und es ist für mich, ehrlich gesagt, unverständlich, warum die verschiedenen Völker nicht mehr zusammen leben konnten und wie Leute ein ganzes Volk hassen können. Für mich spielt die ethnische oder nationale Zugehörigkeit überhaupt keine Rolle und ich würde nie schlechte Erfahrungen mit einzelnen Menschen verallgemeinern. Die hiesige Berichterstattung war meiner Meinung nach von Anfang an oft sehr einseitig.  Hieran kann man auch gut sehen, wie es zu Kriegen kommen kann: Es wurde in den Medien einer Seite, den Serben, die Schuld am Bürgerkrieg gegeben, was letztendlich als Rechtfertigung für miltärische Einsätze galt. In Wirklichkeit kann man aber keiner Seite die Schuld zuweisen, beide begingen Verbrechen und waren gleichviel am Krieg schuld. Beispielsweise war die von Kroatien betriebene Vertreibung aller Serben aus der Krajina, wo sie seit Urzeiten wohnten, genauso schlimm wie alle anderen Vertreibungen. Auch im Kosovo fand ein Bürgerkrieg statt, bei dem beide Seiten, wie in jedem Krieg, brutal und menschenverachtend vorgingen. Allerdings hat auch hier die Öffentlichkeit an die Alternativlosigkeit militärischer Aktionen und die einseitige serbische Schuld geglaubt, obwohl dies heute sehr fragwürdig ist. So ist es heute sehr streitig, ob der sogenannte serbische Hufeisenplan überhaupt existierte. Es wurden auch gefälschte Fotos veröffentlicht und die Öffentlichkeit nicht immer zutreffend informiert, beispielsweise wurden Zahlen über Tote bei serbischen Massakern veröffentlicht, die sich später als übertrieben herausstellten. Durch die Bombenangriffe auf Jugoslawien wurde die Flüchtlingskatastrophe eher verschlimmert und der Tod von vielen hundert unschuldigen Zivilisten und noch mehr Soldaten hingenommen, außerdem die Wirtschaft des Landes stark beeinträchtigt, was zu einer Verarmung der Bevölkerung führte. Nach der Besetzung des Kosovos durch NATO-Truppen wurden und werden Serben und Zigeuner vertrieben. Die Ziele, wenn es wirklich die Menschenrechte waren, wurden also nicht erreicht, was sogar hochrangige Militärs zugeben. Das jetzige Verhalten der albanischen Bevölkerung zeigt, dass es mit Gewalt zu keiner wirklichen Lösung kommen kann, die Versöhnung der ethnischen Gruppen ist weiter entfernt denn je.  Es gibt auch Gerüchte, dass die US-Militärs ihre Waffen ausprobieren wollten und unter anderem deswegen den Kosovo-Krieg führten. Eine solche militärische Logik ist zutiefst unmoralisch (auch wenn die Gerüchte nicht stimmen sollten). Hinter jedem Krieg stehen auch wirtschaftliche Interessen, so sind die einzigen, die von einem Krieg wirklich profitieren, die Rüstungskonzerne. Es gibt also keinen „gerechten“ oder „guten“ Krieg: Auch wenn tatsächlich gute humanitäre Absichten dahinterstecken mögen, kann doch ein Krieg niemals das Leid der Menschen lindern, sondern veschlimmert alles nur.
Alle diese Erfahrungen und Informationen haben dazu geführt, dass ich niemals, egal für welchen Zweck, im Krieg kämpfen könnte. Ich kann kein Soldat sein und Menschen töten oder ihnen so großes Leid zufügen, und ich kann das Kriegshandwerk auch nicht erlernen. An dieser Stelle sagt mir mein Gewissen „Nein, halt, da darfst du nicht mitmachen!“
Da ich an Asthma und Allergien leide, habe ich bei der Musterung angenmommen, dass ich untauglich bin. Ich wurde auch fünf mal untersucht, bis schließlich der Tauglichkeitsbescheid eintraf, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Ich rechnete also nicht damit, dass ich einen förmlichen Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer würde stellen müssen, obwohl für mich stets klar war, dass ich keinen Kriegsdienst würde leisten können. Seit ich zum ersten Mal von Krieg und Militär gehört hatte, war für mich klar, dass ich da nicht mitmachen konnte. Ich möchte aber gerne Zivildienst leisten und mich um hilfsbedürftige Menschen kümmern. Ich habe beim ASB in Troisdorf nachgefragt und mich um eine Stelle für Individuelle Schwerstbehindertenbetreuung beworben. Dort werden noch dringend Zivildienstleistende gebraucht und ich habe die Auskunft erhalten, dass ich sofort anfangen kann, wenn meine Verweigerung anerkannt ist. In der Grundschule war auch ein Rollstuhlfahrer, mit dem ich mich gut verstand und der mir leid tat, was meinen Wunsch auslöste, mich um Behinderte zu kümmern.
In der Zeit nach dem Tauglichkeitsbescheid, den ich Ende Februar erhielt, stand ich unter großem Streß, da wir zum 1.3. umgezogen sind und ich packen, auspacken, aufbauen und dabei mithelfen musste, die neue Wohnung zu renovieren. Hinzu kam, dass ich mitten in der Abiturvorbereitung war und viel für die Abivorklausuren in Mathe, Physik und Englisch lernen musste (am 13.3. Physik, 17.3. Mathe und 24.3. Englisch). Weil ich keine Zeit für eine ausführliche Begründung hatte, habe ich die Ausarbeitung und Abschickung der Verweigerung vor mir hergeschoben, die Entwürfe lagen schon auf meinem Schreibtisch. Die Einberufung kam dann sehr überraschend, unter anderem, weil ich eine Aussage des Tauglichkeitsbescheids falsch verstanden habe: „Sie sind zurückgestellt, mit Ihrer Einberufung haben Sie frühestens am 1.7. zu rechnen“. Auch weiß ich von Leuten, die zum Bund wollten und sehr lange auf ihre Einberufung warten mussten.  Deshalb habe ich angenommen, der Einberufungsbescheid käme nicht vor Juli. Gegen diesen, als er für mich unvorhergesehen früh eintraf, habe ich nicht explizit Widerspruch eingelegt, da ich davon ausgegangen bin, dies würde automatisch durch die Verweigerung erfolgen, die ich unmittelbar danach einschickte. Dass ich nicht bereits bei der Musterung verweigert habe, hat also absolut nichts mit meiner Gewissensentscheidung zu tun.

Mit meiner Entscheidung habe ich es mir nicht leicht gemacht. Ich gebe zu, dass es auch Leute gibt, die aus Gewissensgründen für die Bereithaltung eines Miltärs sind.
Mit Gegenargumenten zu meiner gewaltverneinenden kriegsablehnenden Position habe ich mich auseinandergesetzt. Ich möchte denjenigen, die aus Überzeugung zur Bundeswehr gehen, nicht absprechen, dass sie dies in der Absicht tun, unserem demokratischen Staat zu dienen und dass sie ehrenwerte Motive haben. Meine Entscheidung basiert jedoch auf anderen moralischen Prinzipien. Ich halte es für unmoralisch, Krieg zu führen und kann dies deswegen unter keinen Bedingungen tun. Außerdem ist eine gewaltsame Lösung eines Konfliktes keine richtige Lösung, weil die Interessen des Verlierers nicht beachtet werden, dieser gedemütigt und verletzt wird und dies nicht hinnehmen kann. Er wird also mit Gegengewalt und Hass auf den Sieger reagieren, der seinerseits wieder zu Gegenmaßnahmen greifen muß usw. Es entsteht eine Spirale der Gewalt, ein Teufelskreis, der sich letztendlich für beide Seiten zerstörerisch auswirkt. Also ist, nebenbei bemerkt, Gewalt auch nicht besonders sinnvoll.
Die Befürworter der Bundeswehr argumentieren, dass diese ja keine Kriegsverbrechen begehen würde. Aber in einem Krieg können Kriegsverbrechen nicht vermieden werden. Es gibt keinen „sauberen“ Krieg, in dem streng nach den internationalen Konventionen gehandelt wird. Auch in einem solchen Krieg würden Morde geschehen und es würde nichts an meiner Gewissensentscheidung ändern. Jeder Krieg entwickelt ein Eigenleben und kann nicht wirklich kontrolliert werden. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Vietnamkrieg. Die USA griffen ein, da sie sich von der kommunistischen Bewegung bedroht fühlten und fürchteten, sie könnte sich zur Weltrevolution ausweiten. Im Laufe des Krieges griffen sie zu immer härteren Maßnahmen. So setzten sie Napalm und Agent Orange ein, was den Urwald nachhaltig schädigte, und begingen Massaker an der Bevölkerung, die mehrheitlich den Vietkong unterstützte. Am Ende des Krieges hinterließ dieser über drei Millionen tote Vietnamesen und 60.000 tote US-Soldaten. Auch die zivilen Opfer des Kosovokrieges haben gezeigt, dass trotz modernster Technik keine „chirurgischen Operationen“ möglich sind.
Auch der Abschreckungsgedanke, der häufig für die Unterhaltung einer Armee als Begründung gewählt wird, hat sich in der Vergangenheit immer wieder als falscher Gedanke herausgestellt: Trotz militärischer Überlegenheit sind immer wieder Staaten angegriffen worden. Die Abschreckung durch große Miltärmacht funktioniert nicht, schließlich hat sich ja Jugoslawien auf die Konfrontation eingelassen, obwohl die Überlegenheit der NATO klar war. Jede Armee denkt von sich, sie würde für den Frieden existieren, entweder für Friedensschaffung oder –erhaltung. Allerdings gibt es Kriege nur wegen dem Militär, und das Militär hat nur die Aufgabe der Kriegsführung. Deshalb kann ich keinem Militär dienen, gerade wegen meiner Verantwortung für den Frieden, auch wenn die Bundeswehr, wie jede Armee, vielleicht gerade diese Verantwortung als Rechtfertigung für ihre Aktionen und Existenz heranzieht. Aber hier liegt ein logischer Fehlschluß vor, nämlich durch Krieg für den Frieden zu arbeiten, was sich gegenseitig ausschließt.
Auch wird oft gesagt, man dürfe bei Menschenrechtsverletzungen und Unterdrückung nicht tatenlos zusehen, sondern militärisch den Opfern zu Hilfe eilen. Allerdings kann man meist nicht zwischen einer Opfer- und einer Täterseite unterscheiden. Hätte man versucht, die DDR von außen zu befreien, hätte dies unweigerlich zur totalen Katastrophe mit Millionen von Toten geführt. Mit der Zeit hat sich die Bevölkerung jedoch friedlich von innen befreit. So wird es jedem Unrechtssystem auf die Dauer ergehen. Man hätte im Kosovokonflikt die vertriebenen Albaner notfalls in Westeuropa aufnehmen können, bis sich die Situation in Jugoslawien verändert. Auch der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern zeigt, dass sogar die Palästinenser auf Dauer und mit friedlichen Mitteln ihr Heimatrecht wiedererlangen können.
Gesetzt den Fall, ein diktatorisches Regime verletzt massiv die Menschenrechte (was tatsächlich passiert) und die internationale Gemeinschaft beschließt, dagegen etwas zu unternehmen, so hat sie vielfältige Möglichkeiten, Druck auf diese Regierung auszuüben, vor allem mit wirtschaftlichen Mitteln wie Handelsboykott. Allerdings würde ein Krieg nur noch mehr Leid über die Bevölkerung bringen und die Menschenrechte würden sehr viel stärker verletzt werden als ohne Krieg möglich. Außerdem stehen am Ende jedes Krieges sowieso Verhandlungen, was man auch schon vor dem Blutvergießen erreichen kann.

Im Jahre 1998 sah ich im Fernsehen einen Bericht über den Vietnamkrieg, in dem auch der amerikansiche Pilot eines Bombers gezeigt wurde, außerdem Trümmer von Häusern, aus denen Leichen geborgen wurden. Der Pilot sah mir gar nicht so unähnlich und ich stellte mir vor, ich wäre dieser Pilot und hätte eine Bombe über diesem Haus abgeworfen. Durch einen Knopfdruck, was die Tötungshemmung ja im Vergleich zum direkten Augenkontakt erheblich herabsetzt, hätte ich diese Familie ermordet. Da wurde mir richtig klar, was es heißt, im Krieg zu kämpfen und zu töten. Ich hätte ja keine andere Wahl gehabt als den Befehlen zu folgen, da ich sonst hart bestraft würde. Bei Bodentruppen kommt hinzu, dass man die Kameraden nicht im Stich lassen kann. Bei dieser Vorstellung empfand ich blankes Entsetzen. Ich fühlte mich verantwortlich für den Tod dieser Menschen, die friedlich gelebt hatten und ihre Freuden und Probleme hatten, von denen ich, der dem ein brutales Ende gesetzt hat, keinen Schimmer hatte. Bei diesen Gedanken merkte ich, wie mir die Tränen in die Augen stiegen und ich wurde unheimlich traurig. Ich wurde diese schrecklichen Überlegungen nicht mehr los und hatte sogar Albträume, in denen ich diese Bombe fallenließ und die netten Menschen am Boden plötzlich elendig verbrannten und vom auf sie fallenden Dach erschlagen wurden. Manchmal saß ich auch stundenlang in depressiver Stimmung da und plagte mich mit solchen Schrecklichkeiten, die ja leider tatsächlich in dieser Welt existieren. Das einzige, was mich tröstete, war die Tatsache, dass ich nicht wirklich getötet hatte, obwohl es anscheinend möglich ist, dass ich mal in eine solche Situation gelange. In diesem Fall glaub ich nicht, dass ich das verkraften könnte. Auch bei einem („feindlichen“) Soldaten wäre es nicht anders, schließlich ist dieser Soldat auch ein Mensch wie ich, der sich Gedanken macht, der leben will und den andere Menschen brauchen, mögen und lieben. Ich könnte wirklich nie einen Menschen töten. Die Frau meines Vaters hat erzählt, dass sie einen amerikansichen GI kannte, eigentlich ein wirklich netter Mensch, der aber nicht über seine Erlebnisse in Vietnam und seine Teilnahme an Massakern dort drüber wegkam und der dann in seiner Verwirrung in Nordhessen ein Mädchen ermordete, das sie ebenfalls kannte. Solche Ereignisse zeigen mir nochmal deutlich, dass man dermaßen schreckliche Erfahrungen nicht verkraften kann, zumindest könnte ich das nicht (auch wenn ich sicher keinen weiteren Mord begehen würde).

Ich bin Mitglied des „Jugendkulturcafé e.V.“, einer selbstverwalteten Jugendeinrichtung und war in der 8. Klasse Klassensprecher. Gegen Kriege habe ich demonstriert und auf jegliche Weise protestiert, vor allem in Gesprächen mit Freunden und Mitschülern. Ich bin politisch interessiert und engagiert, allerdings habe ich zur Zeit Schwierigkeiten, mich für eine Partei zu entscheiden, da fast alle Bundeswehreinsätze befürworten. Im Herbst 98 war ich schon drauf und dran, mich der Jugendorganisation der Grünen anzuschließen. Gerade zu diesem Zeitpunkt ging aber da die Diskussion um Militäreinsätze los. Ich war entsetzt, als ich feststellen musste, dass offensichtlich die Mehrheit der Partei, anders als früher, bereit war, Militäreinsätze zu befürworten. Die Zustimmung der Grünen, die ich früher unterstützt habe, zum Kosovokrieg hat mich schwer enttäuscht. Ich versuche stets, in Diskussionen meine Gesprächspartner, seien es Bekannte, Lehrer, Freunde, Mitglieder des „Jugendkulturcafé e.V.“ oder (ehemalige) Schüler, von meiner Haltung zu überzeugen, für die ich auch öffentlich eintrete.

Anhang zur Begründung des Antrags auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer

Ich bin seit dem 3.7. bei der Bundeswehr in Budel. Meine Erlebnisse dort haben mich in meiner Entscheidung bestärkt. Es wurde sehr deutlich, dass man für den Krieg vorbereitet und ausgebildet wird. Ich spürte ein entsetzliches Unbehagen, als ich zusah, wie meine Kameraden die Gewehre luden und in Stellung gingen und ich mir vorstellte, dass sie dies, was sie jetzt lernen, im Krieg genauso machen würden und auf Befehl, ohne nachzudenken, auf Menschen schießen würden. Bis jetzt bin ich glücklicherweise von der praktischen Waffenausbildung freigestellt, ich könnte sie auch psychisch nicht verkraften, schon das Zusehen fiel mir schwer. Im Unterricht lernten wir, dass im Häuserkampf bei einem Angriff mit 80% Verlust gerechnet wird, egal, ob eigener oder feindlicher Verlust. Dies zeigte mir nochmal sehr deutlich die Verachtung für das menschliche Leben. Auf den Zeichnungen war immer ganz selbstverständlich der Kopf als Ziel abgebildet, es geht wirklich darum, den feindlichen Soldaten zu töten. Ich fragte mich, ob der Soldat, den ich im Einsatzfall auf Befehl erschiessen sollte, sich nicht die selben Gedanken macht wie ich und dazu gezwungen ist zu kämpfen. Ich würde diesen Menschen nicht kennen und er könnte in anderer Situation vielleicht mein Freund sein oder zumindest ebensogut einer meiner Kameraden. Diese Willkür, dass es immer auch Unschuldige trifft, zeigt sich auch in der militärischen Logik, z.B. in einer Situation, in der aus einem Dorf heraus geschossen wird, auf dieses Dorf zurückzuschiessen, obwohl dort nur einige Soldaten und viele Unbeteiligte sind. Wir haben gelernt, auch im Frieden auf eine Menschenmenge zu schiessen, wenn diese im Begriff ist, Straftaten gegen die Bundeswehr zu verüben. In einer solchen Menschenmenge trifft es wahllos irgendeinen oder irgendeine. Hinzu kommt, dass bei den modernen G36-Gewehren das Geschoß mit 1000 m/s austritt und dass bei einer so hohen Geschwindigkeit jeder Treffer auf relativ kurzer Distanz tödlich ist, auch beispielsweise in eine Gliedmaße, da dies eine Reaktion im Körper auslöst, die zum Herzstillstand führt. Ich habe durch diesen Monat einen Einblick in die Kriegsmaschinerie bekommen, der mich entsetzt hat und mir sehr deutlich gemacht hat, dass es im Krieg auf die Vernichtung des Feindes ankommt und dass das System von Befehl und Gehorsam funktioniert, offensichtlich auch im Krieg, allerdings könnte ich persönlich es nicht verkraften, Teil dieser Maschinerie zu sein und zu töten.