Trends in der Ernährung der Menschheit

 

Angeregt durch das Buch „Plan B“, in dem Lester Brown die Notwendigkeit einer Alternative zum „Bussiness as usual“ aufzeigt und diese entwirft, möchte ich ein paar wichtige Sachen daraus zusammenfassen und mit eigenen Gedanken ergänzen.

Der Grundgedanke ist, dass die Nahrungsversorgung der Menschheit kritisch für das Fortbestehen unserer Zivilisation ist. Schon frühere Zivilisationen sind daran zugrundegegangen, daß die Nahrungserzeugung nicht mehr ausreichte, bspw. durch Dürren oder Bodenerosion. Bei uns ist es im globalen Maßstab, und gefährliche Trends sind zu erkennen. Tatsächlich führt ein „weiter so“ zwangsläufig in die Katastrophe.

 

Nahrungsproduktion

Die Landwirtschaft ermöglicht überhaupt erst Zivilisation, da ein Mensch mehr Nahrung produzieren kann als nur für sich selbst. Die Ausweitung der Anbauflächen führte zu größerer Produktion, zudem nahm der Ertrag zu. In der „Grünen Revolution“ von 1950 bis 1973 verdoppelte sich die Getreideernte, und die Erträge wurden so stark erhöht wie in der gesamten 11000-jährigen Geschichte seit Beginn des Ackerbaus zuvor. Seitdem nahm die Produktion zwar immer noch stark zu, aber deutlich langsamer, und die Steigerung verringert sich immer weiter.

Grund ist die bereits weitgehende Optimierung des Ertrages (durch die Effizienz der Photosynthese begrenzt) und die prinzipielle Begrenzung der Nutzfläche (die Erde ist nur endlich).

Schauen wir uns zunächst den Ertrag an:

Die Ertragssteigerung basiert einerseits auf neuen Sorten. Durch Züchtung werden Hochleistungssorten mit maximalem Ertrag erzeugt. Dies ist weitgehend ausgeschöpft, und auch die Gentechnik kann keine nennenswerte Steigerung erreichen.

Andererseits basiert die industrielle Landwirtschaft sehr stark auf Öl: Dünger wird aus Öl hergestellt, Maschinen und Bewässerungspumpen damit angetrieben. Ohne Öl bräche die heutige Landwirtschaft zusammen, ebenso wie der Transport. Nun ist jedoch die maximale Fördermenge an Öl bereits überschritten, die leicht ausbeutbaren Vorräte schon bald erschöpft. Und auch das teure Öl reicht nur für wenige Jahrzente.

Grundlegend für Landwirtschaft in vielen Gegenden ist die Bewässerung. Da das Regenwasser nicht reicht, muss das Wasser aus Flüssen oder Grundwasser (oder per Entsalzung aus dem Meer) entnommen werden. Viele Flüsse sind jedoch bereits überlastet, und die Grundwasserspiegel fallen weltweit. Als Folge muss man immer tiefer bohren – in einigen indischen Bundesstaaten macht das Pumpen schon über die Hälfte des Stromverbrauchs aus. Viele ausgebeutete Wasserreserven sind nicht erneuerbar – es wird geschätzt, daß allein in Indien 175 Millionen und in China 130 Millionen Menschen von Nahrung leben, die mit nicht erneuerbarem Wasser bewässert wurde. Dies kann potentiell plötzlich wegbrechen, denn mit zunehmendem Pumpen wird die landwirtschaftliche Produktion ausgeweitet, bis kein Wasser mehr da ist.

Notwendig für Landwirtschaft ist auch fruchtbarer Boden. Der Humus hat sich über lange Zeiträume aufgebaut und wird durch die ständige Pflanzendecke geschützt. Wird diese Pflanzendecke jedoch entfernt, können Wind und Regen den Boden abtragen – er erodiert. Zur Zeit verliert die Welt enorme Mengen an Humus – sichtbar auch an riesigen Staubstürmen. Grund sind die Methoden der Landwirtschaft, die Abholzung und die Überweidung. Eine Folge ist die Ausdehnung der Wüsten und die Abnahme von Ertrag und Nutzfläche.

Der Klimawandel bedroht die Nahrungsproduktion durch steigenden Temperaturen, denn die Sorten wurden auf das jeweilige Klima optimiert. Wenn das auch durch Verschiebungen der Anbauflächen teilweise kompensiert werden kann, so ist ein stabiles Klima doch eine notwendige Voraussetzung für Landwirtschaft, und keineswegs selbstverständlich. Gerade die selbstverstärkenden Effekte der Klimaerwärmung können da fatal wirken.

Ein weiterer Effekt auf die Nahrungsproduktion ist das Schmelzen der Gletscher im Himalaya. Diese wirken bisher als Wasserspeicher und speisen die großen Ströme Asiens. Verschwinden sie, führen diese nicht mehr genug Wasser für die Bewässerung in den Trockenzeiten. Durch das Schmelzen nimmt die Wassermenge zunächst zu, um dann deutlich zurückzugehen.

Durch das Schmelzen des Polareises und die Wärmeausdehnung des Meeres steigt der Meeresspiegel. Dies führt zu einer Abnahme der Landfläche, gerade die fruchtbaren und dicht besiedelten flachen Küstengebiete gehen unter.

Die für Landwirtschaft geeignete Fläche der Erde ist sehr begrenzt (kein Meer, nicht zu steil, nicht zu trocken, vorhandener guter Boden) und nimmt durch den Meeresspiegelanstieg und die Erosion weiter ab. Zudem steht die Nahrungsproduktion in Flächenkonkurrenz zu anderen Nutzungsformen wie Häuser, Straßen, Parkplätze, der Produktion nachwachsender Rohstoffe wie Papier oder Baumwolle und der energetischen Nutzung von Holz und Agrarerzeugnissen, was auch alles wächst. Die Ausweitung der Nutzfläche geht auf Kosten der Natur und hat schon immense ökologische Schäden angerichtet, wie eines der größten Artenaussterben der Erdgeschichte. Die weitere Ausdehnung vernichtet die tropischen Wälder, die eine besonders hohe Lebensfülle haben und auch besonders viel Kohlenstoff speichern. Hauptverantwortlich ist hier die Tierhaltung mit dem immensen Bedarf an Weidefläche und Futtermitteln, aber auch die Agrarenergie. Bäume sind auch wichtig für den Wasserhaushalt und die Bewahrung des Bodens: Verschwinden sie, folgt oft Versteppung und Wüstenbildung.

Die Landwirtschaft trägt selbst etwa zur Hälfte zum Klimawandel bei, unter dem sie leiden wird (die andere Hälfte ist die Verbrennung fossiler Energieträger für sonstigen Nutzen). Allein die Entwaldung setzt mehr Kohlendioxid frei als der gesamte Verkehr, aber auch das Lachgas der Düngemittel und das Methan der Rinder und Reisfelder und der Energiebedarf für Bodenbearbeitung, Transport und Nahrungsverarbeitung tragen ihren Teil bei.

Schliesslich ist noch die rücksichtslose Überfischung zu nennen. Die Fangmenge hat sich von 1950 bis 2000 verfünffacht, nimmt jedoch seitdem ab – trotz modernster, hocheffizienter Fischereiflotten, oder vielmehr gerade deswegen. So schnell können sich die Fischpopulationen nicht erholen, und sind auf 10% ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft. Das gesamte marine Ökosystem wird schwer geschädigt, und auch hier findet das Massenaussterben statt.

Wird diesen Trends nicht schnell entgegengewirkt, könnte die Nahrungsproduktion bald schon sinken, wie bereits in vielen Ländern der Fall.

 

Nahrungsverbrauch

Auf der Nachfrageseite dagegen gibt es drei Trends, die zu einer Erhöhung führen.

Das Bevölkerungswachstum von derzeit etwa 1,1% (oder knapp 80 Millionen Menschen) pro Jahr führt zu einer entsprechenden Erhöhung an Nahrungsbedarf. Die Prognose ist eine Bevölkerung von 9,1 Milliarden in 40 Jahren, von derzeit bereits 6,8 Milliarden (vor 50 Jahren waren es noch 3 Milliarden). Die Nutzfläche pro Kopf nimmt immer weiter ab.

Mit wachsendem Wohlstand ändern sich meistens die Ernährungsgewohnheiten, hin zu mehr Tierprodukten. In China hat sich der Fleischkonsum innerhalb von 30 Jahren verfünffacht. Da Tiere jedoch sehr viel mehr Nahrung verbrauchen als sie liefern (mehr als fünf mal soviel), erhöht sich der Bedarf entsprechend. Die Nutztiere liefern weltweit etwa ein Sechstel der menschlichen Nahrung, verbrauchen jedoch weit mehr pflanzliche Nahrung als die Menschheit. In Deutschland ist sogar über ein Drittel der Nahrung tierischen Ursprungs, entsprechend wird dreimal mehr Fläche zur Nahrungserzeugung gebraucht, als wenn die Pflanzen direkt gegessen würden.

Schliesslich kann man Nahrung (oder andere Pflanzen) auch zur Energieerzeugung nutzen. Mit knapper werdendem Öl wird verstärkt Agrarenergie genutzt. Es ist jedoch eine sehr ineffiziente und unersättliche Energiequelle. Von einer einzigen Autotankfüllung könnte ein Mensch ein ganzes Jahr lang essen. Die Entwicklung der Nahrungspreise ist damit an den Ölpreis gekoppelt, und die arme Hälfte der Menschheit muss mit den zahlungskräftigen Autofahrern um Nahrung konkurrieren.

Der Anstieg der Nahrungspreise hat zu einer drastischen Zunahme des Hungers geführt, die Zahl der Hungernden hat bereits eine Milliarde überschritten.

 

 

Lösungsvorschläge

Der Markt, der unsere Wirtschaft lenkt, versagt vollkommen in der Lösung dieser Probleme, denn er ist blind für die tatsächlichen, zukünftigen Kosten unseres Konsums und unserer Aktivitäten. „Plan B“ ist ein Plan zur Rettung der Zivilisation durch die Vermeidung einer Hungerkatastrophe. Er schlägt ein Maßnahmenpaket vor, mit vier Zielen:

Klimaschutz: Eine Senkung der CO2-Emissionen um 80% bis 2020 soll durch hohe Energieeffizienz, die Umstellung der Energieerzeugung auf Wind, Sonne und Geothermie sowie den Stopp der Entwaldung und einer starken Aufforstung erreicht werden. Sonst könnte es zu einem runaway-Treibhauseffekt kommen, mit fatalen Folgen für die Nahrungsproduktion.

Stabilisierung der Bevölkerung bei höchstens 8 Milliarden: Eine Abnahme der Geburten soll durch Bildung und allgemeinen Zugang zu Verhütungsmitteln und Familienplanung erfolgen. Die Befürchtung ist, daß sonst die Bevölkerung durch eine erhöhte Sterblichkeit stabilisiert wird, wie es in einigen afrikanischen Ländern bereits geschieht.

Beseitigung der Armut: Die Leute müssen es sich leisten können zu essen und auch, sich Gedanken zu machen, die über die Sorge über die nächste Mahlzeit hinausgehen. Zudem ist dies wichtig für die Stabilisierung der Bevölkerung, und es ist einfach menschlich angebracht in einer sehr wohlhabenden Welt.

Wiederherstellung der natürlichen Systeme: Die Landwirtschaft ist abhängig von natürlicher Unterstützung, insbesondere Boden und Wasserversorgung sind gefährdet.

Um der Erosion und dem Wassermangel entgegenzuwirken, braucht man Bäume, also Aufforstung und Stopp der Entwaldung. Zudem muß der Boden schonend bearbeitet und Wasser sparsam eingesetzt werden, und es darf nicht soviel gefischt werden.

Dies ist alles sehr dringend, und würde gerade mal ein Drittel des US-Militärhaushaltes kosten. Wir müssen jedoch auch unser Konsumverhalten ändern, hin zu einem viel weniger energie- und flächenintensiven Lebensstil: Weg vom Auto, dadurch gewinnt man Fläche und spart Energie; und Änderung der Ernährung:

Fleisch wird effizienter durch Geflügel und Aquafarmen mit pflanzenfressenden Fischen erzeugt als durch Rind und Schwein. Doch auch das ist noch eine riesige Verschwendung durch die Nahrungskette, die wir uns in der jetzigen Situation nicht leisten können. Ein viel größerer Anteil unserer Nahrung muß direkt pflanzlichen Ursprungs sein. Dies würde die Naturflächen erhalten, den Hunger bekämpfen, und wäre darüber hinaus auch noch gesund und würde das Tierleid mindern. Fast so groß wie das Potential und die Hoffnung einer solchen großen Ernährungsumstellung in den reichen Ländern ist aber auch die Gewohnheit und eine evolutionär bedingte Bevorzugung von Nahrungsmitteln hoher Energiedichte. Doch so vorteilhaft es früher war, neben Pflanzen auch Fleisch und Milch zu sich nehmen zu können, so fatal wirkt es sich heute auf die Ökologie des Planeten aus. Da uns die Landwirtschaft mit genug pflanzlichen Lebensmitteln versorgt, ist das jedoch gar nicht mehr nötig, und wir sollten bewusst viel weniger Tierprodukte essen.